Cistercian Order of the Strict Observance
(Trappists)


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RUNDBRIEF 2008 
 

In meinem Herzen höre ich:
Sucht mein Angesicht

  

 

26. Januar 2008

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 dies wird mein letzter jährlicher Brief als Generalabt sein. Bekanntlich habe ich die Absicht, beim nächsten Generalkapitel meinen Rücktritt anzubieten, und ich bin sicher, dass er angenommen wird.

 Achtzehn Jahre sind vergangen, seit ich Euch zum ersten Mal geschrieben  habe. Dieser erste Brief war eine Art Selbstpräsentation, in der ich mein Herz öffnete, um herzuzeigen, was darin war: Jesus, Maria, das Evangelium, die Kirche, die Regel, Cîteaux, der Mensch. Das letztgenannte Wort war absolut inklusive, es schloss Mann und Frau ein. Diese sieben Wörter führten zu einem zweiten Brief über die zisterziensische Schule der Liebe. Beide Briefe waren jugendlich und zeugnishaft.

 Heute, nach der Erfahrung so vieler Dinge, die geschehen sind, fühle ich mich ganz und gar als der gleiche von damals, und doch recht anders. Die Jahre vergehen nicht spurlos, auch wenn das Wesentlichste und das Persönlichste immer gleich geblieben sind.

 In diesem Brief möchte ich mit Euch teilen, was in meiner monastischen Identität konstant geblieben und was ein Merkmal meiner Identität als Person geworden ist. Ich möchte dabei  Zeuge sein und mich zugleich auf die Tradition stützen. Mit den Worten der Väter möchte ich Euch erzählen, was ich gemacht habe, seit ich ins Kloster eingetreten bin und, mehr noch, seit man mir den Dienst des Generalabts anvertraut hat.

 Was ich sage, wird, hoffe ich, von Nutzen sein für die Reflexion und Selbsteinschätzung vor dem Spiegel des Herrn, so wie es für mich von Nutzen war, als ich diesen Brief schrieb.

 

1. Einladung und Erwiderung

 Ein Wort des Herrn wohnt seit den Tagen des Noviziats in mir: „Sucht mich, dann werdet ihr leben“ (Am 5,4). Vielleicht höre ich deswegen immer in meinem Herzen: „Sucht mein Angesicht!“ (Ps 27,8)

 Und dieses Suchen ist weder vergeblich noch leer, es erfreut sich vielmehr am Versprechen der Begegnung oder des Findens: „Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden“ (Jer 29,13; Dt 4,29). Ein Versprechen, das, wie wir sehen werden, einen totalen Anspruch stellt: „Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt.“ Oder um die Worte des Psalmisten zu gebrauchen, die so oft in unseren Gebeten widerhallen:

 

- „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Lein, wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser“ (Ps 63,2)

 

- „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir“ (Ps 42,2-3).

 Doch das Wichtigste ist für mich nicht so sehr mein Bemühen bei der Suche gewesen als vielmehr meine Dankbarkeit für die Begegnung. Denn „gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft“ (Klgl 3,25). Ja, er kommt und nimmt uns zu sich (Joh 14,3), und er fragt uns sogar oft „Wen suchst du?“ (Joh 20,15).

 Das monastische Leben hat sich zu allen Zeiten - und in meinem Leben, das von dieser großen Tradition genährt wurde - auf der Grundlage dieses Begriffspaars verstanden: Suchen und finden. Zwei biblische Texte sind dafür programmatisch:

 

- „Das sind die Menschen, die nach ihm fragen, die das Antlitz des Gottes Jakobs suchen“ (Ps 24,6)

 

- „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt [...] Ich will ihn suchen, den meine Seele liebt [...] Ich fand ihn, den meine Seele liebt“ (Hld 3,1-5).

 

In seiner Regel für Mönche und Nonnen betrachtet der hl. Benedikt das aufrichtige Suchen als eines der grundlegenden Kriterien zum Unterscheiden der Berufung: „Man achte sorgfältig darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht“ (RB 58,7). Und die Hauptmerkmale, die die Wahrhaftigkeit dieser Suche garantieren, sind „Eifer für den Gottesdienst, für den Gehorsam, für Verdemütigungen“ (obprobria - gemeint sind nach Regel 6 des hl. Basilius die „häuslichen Dienste“). In anderen Worten: Dieses Suchen bedeutet konkretes Engagement für alles, was das monastische Leben zu einem Leben macht, das auf ein reines, fortwährendes Gebet und auf eine Schule des Gottesdienstes in der brüderlichen Gemeinschaft hin orientiert ist. Diese konkrete Gottsuche übersetzt die Sehnsucht  in die Praxis und zeigt so, dass die Sehnsucht nach Gott echt ist.

 Voraussetzung  - für Novizen und für uns alle, die wir auf dem monastischen Weg ausharren - ist hier natürlich eine von Glauben erfüllte Gewissheit, dass Gott uns gesucht hat und uns weiter sucht, um uns glücklich zu machen: „Das ruft der Herr der Volksmenge zu, in der er seinen Arbeiter sucht; er ruft nochmals: Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ (RB Prol. 14; siehe auch 27,8-9)

 Unsere zisterziensische Tradition hat das Hohelied immer als ein kontemplatives und bräutliches Lied betrachtet. So haben es Bernhard von Clairvaux, Wilhelm von St. Thierry, Gilbert von Hoyland, John von Ford und Gottfried von Auxerre  gesehen. So haben es Lutgard, Mechthild, Gertrud und viele andere erlebt. Und so habe ich es im Laufe der Zeit und der Offenheit für das Geschenk Gottes entdeckt.  Genauer gesagt: „Somit führt nur das Streben nach Gott allein um Gottes willen zu einem wunderschönen Antlitz auf beiden Seiten der Absicht [i.e. des Objekts - was gesucht wird; und des Grundes: warum man sucht]. Das aber ist die Eigenart und das Kennzeichen der Braut...“ (Bernhard, SC 40,3).

 Psalm 23,6 wird von unseren Vätern häufig benutzt, um die Identität von Mönchen zu beschreiben. Die folgende Stelle beim hl. Bernhard spricht stets mein Herz an:

 

„Wir stehen hier nicht den ganzen Tag untätig herum. Wir wissen ja, was wir suchen, und wer es ist, der uns angeworben hat: Gott suchen wir, Gott erwarten wir [...] Jetzt ist sie da, die Zeit zum Suchen, jetzt ist er vor unseren Händen, der Tag zum Finden (Jes 55,6). [...] „Gut bist du, Herr, zur Seele, die dich sucht“ (Klgl 3,25). Wenn du schon zu der gut bist, die dich sucht, wie viel mehr dann zu der, die dich findet!  [...] Sucht, Brüder, „sucht den Herrn, und ihr werdet stark, sucht sein Antlitz allezeit“ (Ps 104,4). „Sucht den Herrn, und eure Seele wird aufleben“ (Ps 68,33).“Und meine Seele wird für ihn leben“, da sie der Welt gestorben ist. Denn eine Seele, die für die Welt lebt, lebt nicht für ihn. Wir wollen ihn also so suchen, dass wir ihn beständig suchen. Wenn er dann kommt, um uns zu suchen, soll er von uns sagen können: „Das sind die Menschen, die nach dem Herrn suchen, die das Antlitz des Gottes Jakobs suchen“ (Ps 24,7). (Bernhard, Div 4,1 und 4,5)

 

Von denen, die viele Jahre lang die Schriften des Abtes von Clairvaux wiedergekäut haben, habe ich gelernt, dass seine Lehre auf folgendes hinausläuft: Gegenseitige Suche zwischen Gott und der zur Liebe erschaffenen menschlichen Person. Seine Lehre ist daher die Erzählung einer Liebesgeschichte. Dieses ganze Abenteuer der von Liebe erfüllten Suche wird in den Predigten 80 bis 85 zusammengefasst, Predigten, die die Worte des Hohelieds „Ich suchte ihn, den meine Seele liebt“ (Hld 3,1) kommentieren.

 Das theoretische und praktische Programm der zisterziensischen Schola caritatis konzentriert sich ebenfalls auf diese gegenseitige und liebende Suche, die im Bild Gottes und in der verlorenen Ähnlichkeit wurzelt, welche durch die Gleichformung mit Christus wiederhergestellt wird. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass mein „inneres Leben“ in folgendem besteht: In Aufmerksamkeit gegenüber dem Herrn und in einer Anspannung hin auf den, der mich sucht und mich liebt. Ich suche, indem ich ersehne, und ich finde, indem ich liebe. Die monastischen Observanzen stehen im Dienst meiner Suche-Begegnung und der reziproken Liebe mit dem Herrn, und gleichzeitig sind sie ihre Manifestationen.

 Wilhelm von St. Thierry, ein guter Freund meines Freundes Bernhard von Clairvaux, hat mich wie folgt zu beten gelehrt:

 

„Herr, soweit ich kann und soweit du mich können lässt, werde ich dein Antlitz suchen und wieder suchen. Herr, mein Gott, meine einzige Hoffnung, erhöre mich, damit ich nicht, müde geworden, dich nicht mehr suchen will, sondern dass ich dich immer glühend suche. Gib die Kraft zum Suchen, denn du hast mir den Willen gegeben; und soweit es genügt, vermehre den Willen, den du mir gegeben hast. Möge ich stets deiner eingedenk sein, dich verstehen und dich lieben, bis du mich, der sich treu an dich erinnert, dich nüchternerweise versteht, dich wahrhaftig liebt, o dreieiniger Gott, nach der Fülle, die du kennst, auf dein Bild hin erneuerst, nach dem du mich geschaffen hast“ (Rätsel des Glaubens, 26).

  

2. Betende Suche

 Das Gebet in allen seinen Formen und Ausdrücken ist für mich bei dieser Erfahrung des Suchens und der Begegnung mit Gott in Christus eine Priorität gewesen. Der hl. Benedikt ist in dieser Hinsicht völlig klar,  und er empfiehlt folgendes: „Sooft du etwas Gutes zu tun beginnst, bitte zuerst inständig darum, dass er es vollende [...] Weil wir das aber mit unserer natürlichen Kraft nicht zustande bringen, wollen wir vom Herrn die Hilfe seiner Gnade erbitten“ (RB Prol 4 und 41). Und noch kürzer: „Man soll also dem Gottesdienst nichts vorziehen“ (RB 43,3) und „Die heiligen Lesungen gern hören und sich oft zum Gebet niederwerfen“ (RB 4,55 und 56).

 Ich möchte einen Moment bei dieser monastischen Erfahrung des Gebetes als Beziehung, Kommunikation und Communio mit Gott innehalten.

 Diese Erfahrung hat ihr Fundament in unserem Wesen als Personen. Als menschliche Personen sind wir Personen in Beziehungen, und daher dialogische Wesen. Unsere angeborene Fähigkeit zur Kommunikation verlangt nach existenzieller Gemeinschaft. Unser Verlangen nach Gemeinschaft wird nur in Vereinigung mit dem Absoluten Wesen, d.h. Gott, befriedigt.

 Und doch ist Gebet nicht vorwiegend eine psychische oder psychologische Aktivität; es ist vielmehr eine in Gott zentrierte Aktivität. Gebet beginnt in Gott und geht durch seine Gnade in uns als Gesprächspartnern weiter.

 Wenn wir im Stand der Gnade, als Gottes Freunde oder Bräute,  beten, dann finden wir eine Beziehung zu ihm, durch den lebendigen Glauben, das heißt, einen  durch Liebe belebten Glauben oder einen verliebten  Glauben. Wenn wir dagegen (Gott behüte!) im Stand der Ungnade oder der Sünde beten, weil wir den Herrn verleugnet haben, dann beten wir zwar mit Glauben, aber ohne Liebe, das heißt, mit einem Glauben, der tot ist, weil er nicht von der Liebe belebt wird.

 Die wesentlichsten Formen, die unserem Gebetsleben Form geben, sind die Feier der Eucharistie, die Stundenliturgie, die lectio divina und die intentio cordis. Besonders die  Liturgie zeigt das spirituelle Ziel unseres monastischen Lebens; sie wird durch lectio und stilles persönliches Gebet ausgeweitet und verinnerlicht. In zwei früheren Briefen habe ich Euch etwas über die Eucharistie (1994) und die lectio divina (1993) gesagt, daher kann   ich mich hier darauf beschränken, kurz über die Stundenliturgie und die intentio cordis zu sprechen.

 

2.1. Die Stundenliturgie

 

Unzweifelhaft ist die Liturgie das Rückgrat unseres monastischen Tags und eine der Säulen unseres beständigen Gebets. Deswegen neigen wir - ausgenommen Aspiranten und Novizen - dazu, dabei in Routine zu verfallen. Es ist daher nützlich, uns in regelmäßigen Abständen selbst zu motivieren, damit dieses Opfer des Lobes und der Fürbitte im Geist und in der Wahrheit geschieht, das heißt, in Communio mit unseren Brüdern und Schwestern und mit Christus dem Hohepriester.

 Der Patriarch Benedikt, im steten Bewusstsein unserer Schwachheit, bietet uns zwei Ratschläge an, wie wir diese automatisierte Gewohnheit, welche wir Routine nennen, vermeiden können.

 Der erste Ratschlag ist inspiriert vom Wort Gottes; er wird am besten auf Latein präsentiert: Psallite sapienter (RB 19,4). Die Übersetzungen des Psalms 47 (46), in dem diese Worte vorkommen, sind ziemlich verschieden voneinander, und die gleiche Verschiedenheit ist in den Übersetzungen der Regel zu bemerken. Was ist es, das uns Abt Benedikt hier rät? Was ich gelehrt wurde, was ich gelernt habe, und was ich meinerseits wieder andere gelehrt habe, ist folgendes:

 

- Mit Ehrerbietung, Respekt und Gottesfurcht psalmodieren; das ist eine Form der Demut und der Beginn der Weisheit. Das alles stellt uns auf den richtigen Platz vor der Gegenwart Gottes.

 

- Alles kunstvoll organisieren und ausführen (Psalmtöne, stille Pausen, Lesungen etc.), um in  Frieden und Glück beim Opus Dei sein zu können. Spontane Beiträge sind danach zu unterscheiden, wie nützlich sie für die Erbauung unseres  Nachbarn und der Gemeinde beim Gebet sind.

 

- Die spirituelle Bedeutung (allegorisch, tropologisch, anagogisch) der von uns gesungenen Psalmen kosten und schmecken, was aber nicht bedeutet, dass wir während des Offiziums Exegese betreiben, sondern vielmehr, dass wir Christus selbst bei uns anwesend sein lassen.

 

- Der Freude des Herrn, wenn er uns hört, den Vorrang geben vor unserer eigenen Freude, wenn wir zu ihm singen. Das dezentriert uns von uns selbst und befreit uns vom Eigennutz.

 

Manche meinen, diese beiden Worte, psallite sapienter, seien nur ein Vorgeschmack auf das unmittelbar Folgende, nämlich den zweiten Teil des Ratschlags, den der hl. Benedikt uns bietet: Ut mens nostra concordet voci nostrae (RB 19,7). Ich habe in diesen Worten immer eine Wegbeschreibung gefunden, die mit der Aufmerksamkeit beginnt und mit der Communio schließt. Kurz und bündig gesagt:

 

- Auf die Worte achten und begreifen, wie ungeheuer die Wahrheiten sind, die wir aussprechen und die uns der Herr aussprechen lässt: Inklusive Fluchpsalmen!

 - Ernst nehmen, was wir aussprechen, damit die Psalmen sich in ein Verhalten übersetzen und unsere Lebensweise gestalten: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“

 - Mit den Stimmen der Brüder harmonieren, die das Opus Dei mitfeiern, damit alle zu einem einzigen Geist und einem einzigen Herzen gelangen, bis wir alle miteinander zum Ewigen Leben erhoben werden.

 - Mit der Stimme des Alleinigen Beters harmonieren, damit es nur noch einen Betenden gibt: Das ist der Augenblick, in dem im Himmel eine große Stille entsteht.

 

Der folgende Text des Abtes von Clairvaux hilft mir zusammenzufassen, was ich eben gesagt habe, und er hilft mir auch, zum folgenden Thema überzugehen. Man beachte, wie Bernhard das, was Benedikt über das individuelle Gebet sagt, sowohl auf das Opus Dei wie auf das private Gebet anwendet:

 

Nun hat euch aber die Autorität der Regel selbst in dem Text, der im Kapitel vorgelesen wurde, zur Ehrfurcht beim Gebet aufgefordert. Aus diesem Anlass habe ich mir vorgenommen, etwas über das Gebet zu sagen. Ich sage es jedoch in aller Kürze: Ich glaube, dass manche beim Gebet bisweilen eine gewisse innere Trockenheit und Abgestumpftheit empfinden, sodass sie bloß mit den Lippen beten und nicht genug aufmerksam sind; weder achten sie genug auf das, was sie aussprechen, noch auf den, mit dem sie reden. Das geschieht deshalb, weil sie sozusagen aus Gewohnheit und mit zu wenig gebührender Ehrfurcht und Achtsamkeit hinzugetreten sind. Woran soll denn ein Bruder, der sich zum Gebet begibt,  sonst denken als an das Wort des Propheten: „Ich will hintreten an den Ort des wunderbaren Zeltes, zum Hause Gottes“ (Ps 41,5)? Wir müssen zur Zeit des Gebetes ganz und gar in die himmlische Halle eintreten, jene Halle, in der „der König der Könige auf einem Sternenthron sitzt“, umgeben von einer unzählbaren und unnennbaren Schar seliger Geister. [...] Mit welcher Ehrerbietung, mit welcher Furcht, mit welcher Demut muss daher ein armseliges Fröschlein [vilis ranuncula], das aus seinem Sumpf herauskommt und herauskriecht, dort hinzutreten? Wie angstvoll, wie flehentlich, wie demütig, wie eifrig schließlich und ganz gesammelt [sollicitus et toto intentus animae] wird das elende Menschenkind vor der Größe seiner Herrlichkeit, in Gegenwart der Engel, im Kreis der Heiligen und in ihrer Versammlung stehen! Bei allen unseren Werken ist also die Aufmerksamkeit des Geistes sehr notwendig, ganz besonders aber beim Gebet. Denn wenn die Augen des Herrn auch - wie wir in unserer Regel lesen - jederzeit und überall über uns wachen, so tun sie es doch vor allem beim Gebet. Mögen wir auch immer gesehen werden, so treten wir jetzt sogar selbst vor und zeigen uns, indem wir mit Gott gleichsam von Angesicht zu Angesicht sprechen. Denn obwohl Gott allgegenwärtig ist, muss er doch im Himmel angebetet werden, und dorthin müssen wir unsere Gedanken während der Gebetszeit richten. Unser Geist darf sich nicht durch das Dach des Oratoriums, nicht durch die Weite der Luft, nicht einmal durch eine dicke Wolkenschicht aufhalten lassen nach dem Vorbild, das uns von Christus überliefert wurde. Er sagt: So sollt ihr Beten: Unser Vater im Himmel...“ (Bernhard, Div 25,7-8).

  

2.2. Intentio cordis

 

Der erste benediktinische Mystiker, nämlich der hl. Benedikt selbst, ist kein „Theoretiker“ des persönlichen und privaten Gebets. Als praktischer Mensch bietet er uns vielmehr einige Orientierungshilfen, die aus seiner Erfahrung stammen, seiner persönlichen wie auch  der gemeinschaftlichen. Diese Orientierungshilfen sind besonders in dem Kapitel der Regel zu finden, das dem Oratorium des Klosters gewidmet ist (RB 52). Die Einfachheit des Patriarchen, die im Kontrast zur Künstlichkeit so vieler moderner Gebetsmethoden steht, hat vom ersten Tag an mein Herz erobert: „...so trete er einfach ein und bete... mit Inbrunst des Herzens“ (RB 52,4).

 Was Benedikt bezüglich des privaten, andächtigeren Betens empfiehlt und lehrt, das verstehe  ich, im Einklang mit der zisterziensischen Tradition, in den Begriffen Sehnsucht, Affekt und liebevolles Einwilligen,  gewirkt von der göttlichen Gnade. Hier zwei Texte, die meine Auffassung stützen:

 

Das Gebet ist eine liebevolle Anhänglichkeit des Menschen an Gott, ein vertrautes, zärtliches Gespräch, ein Zustand, in dem der erleuchtete Geist in Stille verharrt, um sich an Gott so lange zu erfreuen, wie es erlaubt ist  (Wilhelm von St. Thierry, Der Goldene Brief 179).

 

Das Gebet erfüllt die Aufgaben von Myrrhe und Weihrauch. Zuerst sammelt es die affektiven Kräfte und konzentriert  sie im Betenden; dann lässt es sie frei und schickt sie zu Gott. Was ist der Myrrhe ähnlicher als der Moment, da sich der Übergang zur Vereinigung mit Gott vollzieht? Was dem Weihrauch ähnlicher als der Moment, da es zu einer solchen Ausgießung göttlicher Affekte kommt? (Gilbert von Hoyland, Predigten über den Gesang 28,7).

 

Dieses Gebet muss  häufig und passend sein, das heißt, mit eifriger Regelmäßigkeit und zur richtigen Zeit. Über diesen letzten Punkt schrieb der hl. Bernhard gegen Ende seines Lebens:

 

„Die Mußezeit ist dafür angemessener und passender, besonders wenn die nächtliche Schlafenszeit tiefstes Schweigen gebietet: dann steigt das Gebet freier und reiner empor. „Steh auf bei Nacht“, heißt es, „zu Beginn deiner Nachtwachen! Schütte aus wie Wasser dein Herz [effunde sicut aquam cor tuum] vor dem Angesicht des Herrn“ (Klgl 2,19). Wie verborgen steigt bei Nacht das Gebet empor, wo Gott allein dein Zeuge ist, sowie der heilige Engel, der das Gebet aufnimmt, um es auf dem himmlischen Altar darzustellen! Wie willkommen und leuchtend ist ein Gebet, das von der Röte der Bescheidenheit gefärbt ist! Wie heiter und friedlich ist es, von keinerlei Geschrei oder Lärm gestört! Und zuletzt: wie rein ist und aufrichtig ist es, von keinem Staub irdischer Sorgen bedeckt, von keinem Lob und keiner Schmeichelei eines Zuschauers versucht! Deswegen also suchte die Braut scheu und bedachtsam die Verborgenheit des Lagers und der Nacht auf, als sie beten, das heißt, das Wort suchen wollte; das ist nämlich ein und dasselbe (Bernhard, SC 86,3).

 

Halten wir fest, dass in diesem Bernhardschen Text die Suche nach dem Wort besonders im Gebet stattfindet; darum sind Beten und Suchen ein- und dasselbe. Wir wollen auch das Bild des „ausgeschütteten Wassers“ beachten; es bezieht sich auf die Ausgießung des Herzens oder intentio cordis beim Gebet.

 Die Lehre des Abtes Gilbert von Hoyland ist derjenigen des Abtes von Clairvaux ähnlich, auch bei ihm fördern  die Nachtstunden diese Ausgießung des Herzens oder intentio cordis beim Gebet:

 

Nicht einmal in den Intervallen zwischen den gemeinschaftlich gesungenen Nachthoren soll man unbeschäftigt bleiben. Oh guter Gott, diese nächtliche Stunde, die doch nicht Nacht ist, sondern die in meiner Freude hell leuchtet wie der Tag (Ps 139,11f)! Es sind diese Gebete privat, aber sie bitten um nichts Privates. Die Stimme senkt sich, doch der Geist  ist umso wacher (sed mens intensior), und so sind diese stillen Gebete von großer Intensität. Häufig schneidet einem ein heftiges Gebet die Stimme ab; man braucht und fände auch gar keine Worte, wenn das Gebet aus einem reinen, übervollen Herzen (affectus) strömt. Einzig die Liebe findet Widerhall in den Ohren des Herrn; sie verachtet den Lärm der ausgesprochenen Wörter, die zwar dem Anfänger ein Anreiz sind, denjenigen jedoch, dessen Gebet vollkommen ist, nur behindern (Gilbert von Hoyland, SC 23,3).

 

Ich erinnern mich an einen Tag, ich war Abt von Azul und erläuterte gerade die Konstitution 22 unseres Ordens, da stellte mich ein Bruder mit folgender Frage auf die Probe: „In wenigen Worten - was ist die intentio cordis?“ Um mir meine Unwissenheit nicht anmerken zu lassen, nahm ich mir zur Antwort etwas Zeit; ich konsultierte einen australischen Mönch, der mich auf die Tradition zurück verwies. Hier nun meine Antwort, für damals und für heute.

 Die Bezüge zur intentio cordis, die wir in den Collationes und den Institutiones von Johannes Cassian wie auch in der Regel des hl. Benedikt finden (RB 18,1; 35,17; 48,18; 58,6), erlauben uns folgenden Schluss: Wenn der Patriarch uns zum Beten mit inbrünstigem Herzen auffordert, dann meint er ein Gebet aus einem zur Einheit gelangten, auf Gott hin gerichteten Herzen. In Elemente aufgeschlüsselt: Aufmerksamkeit, Bewegung, Inbrunst.

 

- Integrierte und inbrünstige Bewegung des Herzens hin zu Gott.

 - Intensive Ausgießung eines ungeteilten und auf Gott hin orientierten Herzens.

 - Innere, auf Gott hin straff gespannte und doch entspannte Aufmerksamkeit.

 

Genau das hat die Selige Gabriella Sagheddu am Tag ihrer monastischen Profess gemacht: „Ich danke dir mit der ganzen Ausgießung meiner Seele, und durch das Ablegen der heiligen Gelübde gebe ich mich ganz dir hin“ (zum Tag ihrer Profess am 31. Oktober 1937 aufgeschriebenes Gebet).  Es handelt sich letztendlich um das reine Gebet eines Herzens, das ein reines Leben leben möchte, welches sich dem fortwährenden Gebet öffnet.

 So gesehen, erweist sich die intentio cordis als die Zwillingsschwester der spirituellen Sehnsucht,  die ihre Erfüllung allein im Leben und im Glück Gottes findet. Das ist es, was der hl. Benedikt mich lehrt und was mich täglich bei meinem Suchen motiviert: „Mit der ganzen Sehnsucht des Geistes nach dem ewigen Leben verlangen“ (RB 4,46).

 So kommen wir auch schon zum Schluss. Einige von Euch haben mich gefragt, was ich nach meinem Rücktritt zu tun gedenke. Ich bin über diese Frage überrascht. Die Antwort ist für mich offensichtlich: Zurück zu meiner Professgemeinschaft gehen und weiter den Herrn suchen und finden, um seines Ruhmes und unseres Glückes willen!

 Mit einer brüderlichen Umarmung in Maria vom hl. Josef,

 

Bernardo Olivera,
Generalabt